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SPD Foto: Holz Reimann

14. September 2020: Niedersächsische Holzunternehmer wehren sich gegen Auswirkungen des Volksbegehrens „Artenvielfalt. Jetzt!“

Arbeitsverbot vom 1. März bis 31. August?

Ende Mai hat die Niedersächsische Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Barbara Otte-Kinast gemeinsam mit dem Niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil, dem Umweltminister Olaf Lies, den Präsidenten der Landwirtschaftskammer und des Landvolks sowie Vertretern von Umweltverbänden den „Niedersächsischen Weg" unterzeichnet.
Politik, Umweltverbände und Landwirtschaft haben darin Änderungen im Naturschutz-, Wasser- und Waldgesetz vereinbart. Gesetz werden sollen unter anderem breitere Gewässerrandstreifen, in denen nicht gedüngt werden darf, die Verringerung von chemischen Pflanzenschutzmitteln und Zahlungen an Landwirte als Ausgleich für ihre ökologischen Anstrengungen. Weiterhin gibt es Regelungen für den Vogelschutz sowie die Waldnutzung.

Volksbegehren "Artenvielfalt. Jetzt!“

Mit dem „Niedersächsischen Weg“ kann Holzunternehmer Klaus Reimann aus Harlingerode noch gut leben. Das Maßnahmenpaket sei von großer Bedeutung für die Land- und Forstwirtschaft in Niedersachsen und werde auch von den Unternehmen im Gesamtverband Deutscher Holzhandel, kurz GD Holz, samt den damit verbundenen großen Herausforderungen mitgetragen. Dieses Dokument würdige den Wald als Leistungserbringer in den Funktionen Schutz, Erholung und Rohstoffbereitstellung gleichermaßen, so der Verband.
Womit Klaus Reimann und der GD Holz aber überhaupt nicht einverstanden sind, ist das Volksbegehren „Artenvielfalt. Jetzt!“, das im Juni von einem Bündnis aus Bündnis 90/Die Grünen, Deutscher Berufs-und Erwerbsimkerbund und NABU Niedersachsen auf den Weg gebracht wurde.
„Darin stehen sicherlich viele gut gemeinte Ansätze“, so Klaus Reimann. „Aber der Knackpunkt ist, dass auch eine Aussetzung von Holzentnahme und Pflegemaßnahmen zwischen dem 1. März und dem 31 . August eines Jahres gefordert wird.“

Viele Unternehmen wären existenzbedroht

„Für uns würde das das Aus bedeuten", sagt Klaus Reimann. „Von sechs Monaten Tätigkeit können wir nicht leben. Unsere Arbeit ist ertragsarm und schwer, lange Arbeitstage füllen ein ganzes Jahr. Unmöglich, alles in wenigen Monaten neben der regulären Arbeit aufzuholen.“ Auch die wärmer gewordenen Winter in Verbindung mit nassen und unbefahrbaren Böden zwängen die Forstwirtschaft in eingeschränkte Bewirtschaftungszeiträume, so die GD Holz. Die wirtschaftlichen Einbußen eines Arbeitsstopps im Wald für die Hälfte eines Jahres würden sehr viele niedersächsische Unternehmen aus der Forst-und Holzwirtschaft und ihre knapp 100.000 Mitarbeiter vor wirtschaftliche Probleme stellen, warnt der Verband in einem Brief an Ministerin Otte-Kinast. Viele dieser Unternehmen wie Forstdienstleister, Ernteunternehmer, Holztransporteure oder Rohholzhändler wären bei einem sechsmonatigen Arbeitsstopp existenzbedroht.

Wieder Kanarienvögel züchten und verkaufen?

„Das Verbot, sechs Monate lang kein Holz zu schlagen und keine Pflegemaßnahmen durchzuführen, würde die massenhafte Vernichtung unbefristeter Beschäftigung im ländlichen Raum bedeuten. Die Realität wären wahrscheinlich Tagelöhner, wie sie in der Fleischindustrie usus sind“, ärgert sich Klaus Reimann.
„Denn wo sollen unsere Arbeiter sechs Monate ihren Lebensunterhalt im Harz verdienen? In der Automobilindustrie? In den Zink- und Bleihütten? Oder sollen wir“, fragt er etwas ketzerisch, „wie damals die Harzer Bergleute mit Käfigen auf dem Rücken nach Hamburg laufen und Kanarienvögel für Amerika verkaufen?“ Klaus Reimann ärgert besonders, dass teilweise mit falschem „Etikett“ für Unterschriften unter das Volksbegehren geworben wird. Vor Supermärkten würden Menschen zum Beispiel mit dem Thema „Rettet die Bienen“ auf Unterschriften angesprochen.

Wie ein nicht eingelöster Scheck

Auch Marcus Bosse, der umweltpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, moniert: „Die Landtagsfraktion der Grünen hält weiter am Volksbegehren fest, obwohl sich ein Bündnis mit vielen Partnern aus der Mitte der Gesellschaft längst auf eine Fülle von konsequenten Gesetzen, Verordnungen und finanziellen Rahmenbedingungen geeinigt hat.“ Im Gegensatz zu den Amtsvorgängern hätten Umweltminister Olaf Lies und Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast es geschafft, den Natur- und Umweltschutz in Niedersachsen tatsächlich voran zu treiben. „Wir handeln jetzt und schaffen mit dem Niedersächsischen Weg eine wirksame Umwelt- und Landwirtschaftspolitik. Statt sich konstruktiv an einem ,Niedersächsischen Weg’ zu beteiligen, klammern sich die Grünen an das Volksbegehren wie an einen nicht eingelösten Scheck“, sagt Karin Logemann, die agrarpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion.

Forstwirtschaft ist aktiver Klimaschutz

„Hohn und Spott über den Niedersächsischen Weg auszuschütten, wird den vielen gutwilligen Beteiligten an diesem bundesweit einmaligen Projekt nicht gerecht. Wir laden die Grünen ein, sich konstruktiv an dem Dialog zum Niedersächsischen Weg zu beteiligen und mit uns entscheidende Schritte für den Erhalt der Artenvielfalt zu gehen“, sagt der umweltpolitische Sprecher Marcus Bosse.
Forstwirtschaft ist aktiver Klimaschutz“, verdeutlich Klaus Reimann abschließend. „Der bewirtschaftete Wald reduziert den Kohlendioxid-Ausstoß Deutschlands jährlich um 120 Millionen Tonnen. Verrottet Holz in der Wildnis weitgehend ungenutzt, entsteht gleichviel Kohlendioxid wie beim Verbrennen. Auch die Produkte aus Holz der heimischen Forstwirtschaft speichern Kohlendioxid. Holz ersetzt zudem herkömmliche klimaschädliche Baustoffe wie Beton, Ziegel, Stahl und Aluminium. Wärme und Energie aus Holz ersetzt fossile Brennstoffe wie Kohle, Heizöl und Gas.“ Wälder hierzulande aus der Nutzung zu nehmen, führe zu Ausbeutung und Raubbau in Osteuropa oder Südamerika. „Gilt bei Holz dann kein Lieferkettengesetz“, so der Holzunternehmer.

Erste Signale der Annäherung

Inzwischen gebe es Signale, dass zumindest Teile des Bündnisses Abstand vom Volksbegehren nehmen würden, weiß SPD-Landtagsabgeordneter Karl Heinz Hausmann. Natürlich seien die Ziele des „Niedersächsischen Weges“ und des Volksbegehrens „Artenvielfalt. Jetzt!“ nicht deckungsgleich, aber man habe sich doch weitgehend angenähert. Aber das sechsmonatige Tätigkeitsverbot ginge gar nicht. Sturmschäden oder andere Dinge müssten zeitnah aufgearbeitet werden können, allein, um die Sicherheit von Wanderern oder Waldarbeitern zu gewährleisten.
Ohnehin sei es doch nicht so, dass in jedem Wald ständig gearbeitet werde. Im Normalfall geschehe das in Zyklen zwischen fünf und zehn Jahren, ergänzt Klaus Reimann. Dieses führe in Kombination mit der sehr facettenreichen Bestandsstruktur der niedersächsischen Wälder lediglich zu punktuellen und kleinflächigen Eingriffen im Laufe der Frühjahrs- und Sommermonate.

Informationen:

Das Familienunternehmen Holz-Reimann in Harlingerode wurde im Jahr 1948 von Johann Reimann gegründet. Mit zwei Pferden rückte er Holz aus den umliegenden Wäldern in das damalige Harlingeröder Sägewerk.
Im Jahr 1960 übernahm Bruno Reimann, der Vater von Klaus Reimann, den Betrieb. Klaus Reimann stieg 1984 ein, war ab 1990 allein verantwortlich und baute den Betrieb kontinuierlich weiter aus. Holz-Reimann gilt unter Experten als eins der führenden Unternehmen in der Holzbeschaffung.
Von der Holzernte über die gesamte Logistik mit LKW, Bahn und Schiff versorgt Holz-Reimann heute europaweit wichtige industrielle Abnehmer aus der Holzwerkstoff-, Papier-, Energie- und Zellstoffindustrie mit Rohholz und zählt damit zu den wichtigsten Rohstoffversorgern Deutschlands.
2004 übernahm Reimann den Güterbahnhof in Herzberg von der Deutschen Bahn AG. 2011 erwarb Reimann das ehemalige Homann-Gelände.
5000 Güterwaggons schickt Reimann Jahr für Jahr klimafreundlich zu den Abnehmern in Europa. An den vier Standorten Bad Harzburg, Herzberg, Langelsheim und Stadtoldendorf arbeiten 100 Mitarbeiter. Die Bundesnetzagentur klassifiziert Holz-Reimann mit seinen drei eigenen Güterbahnhöfen als Eigentümer und Betreiber systemkritischer Infrastrukturen.


Bildunterschrift: Wenn es nach dem Volksbegehren „Artenvielfalt. Jetzt!“ ginge, wären derartige Holzarbeiten im Wald vom 1. März bis 31. August verboten. Fotos: Reimann

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